Der Ghost, den Frau Dorner rief

SpOn betreibt in der Karriere-Rubrik eine unregelmäßig erscheinende Serie mit dem Titel „Geheime Berufe„, in der mitunter arg verwunderliche Beiträge auftauchen. Vor anderthalb Jahren beispielsweise kam dort ein angeblicher Restauranttester zu Wort, der mit Sicherheit noch nie die Redaktion eines Gourmet-Führers von innen gesehen hat. Mit dieser Ansicht stehe ich nicht allein da, wie man in den Kommentaren zu dem Artikel, aber auch im Tagebuch von Vinzent Klink sehen kann: „Es kann auch sein, dass die Journalistin einem Hochstapler aufgesessen ist…  glauben Sie mir einen solchen Idioten gibt es in der relevanten Branche nicht.“

Die Journalistin, die Klink meint und die den Artikel verfasst hat, ist Carola Dorner, laut SpOn eine in Berlin lebende freie Journalistin mit besonderem Interessengebiet: „Sie schreibt vor allem über schräge Typen und deren merkwürdige Berufe.“ 

Heute hat Frau Dorner wieder zugeschlagen, diesmal protokollierte sie die Aussagen einer besonders schrägen Type, einer Ghostwriterin. Besser gesagt, einer angeblichen Ghostwriterin, denn die Person, die Frau Dorner bei SpOn zu Wort kommen lässt, kennt die Branche offenbar nur von der Peripherie her. Wenn sie z. B. schreibt: „Die Herausforderung besteht darin, mit den Prominenten auszukommen, weil man viele Monate sehr eng zusammenarbeitet.“, dann steht das in eklatantem Widerspruch zur Berufsrealität eines Ghostwriters. Die meisten Prominenten sind deshalb prominent, weil sie sehr viel zu tun haben. Erfahrene Ghostwriter stöhnen fast IMMER darüber, dass ihnen nicht genug Zeit für die Interviews gegeben wird. Ghostwriter, die wochenlang mit ihrem Auftraggeber auf dem Sofa sitzen und Händchen halten, sind die seltene Ausnahme, wenn es sie überhaupt gibt.

Ebenfalls erstaunlich: das vollkommen dysfunktionale Kurzzeitgedächtnis von Frau Dorners Ghostwriterin, die einen Absatz mit „Mit Schweigegeboten hatte ich bislang nie zu tun.“ und den unmittelbar darauffolgenden Absatz mit „Geheimhaltung ist schon deshalb wichtig, weil Ghostwriter viel mit Prominenten zu tun haben.“ beginnt. Wer gibt einem Autor einen Buchauftrag, der im zweiten Absatz schon nicht mehr weiß, was er im ersten geschrieben hat?

Wenn die ghostende Dame dann über Geld spricht, wird’s endgültig gemischt: „Der Gewinn wird zwischen Ghost und Autor idealerweise 50 zu 50 aufgeteilt. Ob ich die Bezahlung als angemessen empfinde, hängt zum großen Teil von der Person ab, die ich porträtiere. Wenn die Arbeit angenehm ist und ich den Autor schätze, ist die Bezahlung weniger wichtig.“
Was um Himmelswillen meint sie mit „Gewinn“? Verwechselt sie milchmädchenhaft Tantiemen mit Gewinn? Arbeitet sie tatsächlich ohne fest ausgehandeltes Honorar bzw. Vorschuss? Und welchem im Jahre 2014 hierzulande ums Überleben ringenden freien Autor ist die Bezahlung egal, solange ihm der Auftraggeber sympathisch ist?

Belassen wir’s dabei, auch wenn noch einiges anzumerken wäre. Hier ist ganz offensichtlich nach dem Märchenonkel Restauranttester die Märchentante Ghostwriterin unterwegs. Wieso Frau Dorner sich einen derartigen Bären aufbinden lässt und SpOn den Quatsch auch noch druckt, bleibt ein Rätsel. Die tatsächlichen, belastbaren Fakten wären nur eine Googlesuche nach „Ghostwriter“ weit entfernt gewesen.